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# Zwanzig Rügen, keine Rechnung
- URL: https://www.swissvox.news/zwanzig-rugen-keine-rechnung/
- Published: 2026-11-07T03:06:10.000Z
- Updated: 2026-11-07T03:06:10.000Z
- Description: Der Schweizer Presserat soll die Ethik der Medien hüten. Was ihn das kostet, steht in keinem seiner Jahresberichte. Über ein Gremium, das von Rettungsringen lebt – und eine neue Organisation, die ihm Kundschaft zuführt.
- Author: swissvox
- Tags: SCHWEIZ POLITIK, GESELLSCHAFT

*Der Schweizer Presserat soll die Ethik der Medien hüten. Was ihn das kostet, steht in keinem seiner Jahresberichte. Über ein Gremium, das von Rettungsringen lebt – und eine neue Organisation, die ihm Kundschaft zuführt.*

Von Nico Stino

Zwanzig. So oft hat der Schweizer Presserat im vergangenen Jahr einer Beschwerde recht gegeben. Ganz oder teilweise. Für ein ganzes Land, für Tausende Artikel, Sendungen und Posts pro Tag.

Ich habe die Zahl zweimal nachgelesen. Sie stimmt. 2025 wurden 20 Beschwerden ganz oder teilweise gutgeheissen und 25 abgewiesen, dazu kamen 35 Beschwerden, auf die der Presserat gar nicht eintrat.

Zwanzig Rügen. Und eine Frage, die niemand stellt: Was kostet das eigentlich?

## Ein Gericht ohne Hammer

Zuerst das Grundsätzliche. Der Presserat ist kein Gericht. Er verhängt keine Bussen, er zwingt niemanden zu irgendetwas. Er nimmt auf Beschwerde hin oder von sich aus Stellung zu Fragen der Berufsethik und verteidigt die Presse- und Meinungsfreiheit. Seine Waffe ist die öffentliche Rüge. Ein Stempel, den die gerügte Redaktion abdrucken soll – und manchmal nicht abdruckt.

Klagen darf jeder. Beschwerdeberechtigt ist jedermann. Das klingt demokratisch. In der Praxis landet der grösste Teil der Eingaben im Papierkorb. 2025 waren es fast so viele Nichteintretensentscheide wie Gutheissungen und Abweisungen zusammen. 25 Beschwerden galten als offensichtlich unbegründet. Auf 5 trat der Presserat wegen eines Parallelverfahrens nicht ein – wer also gleichzeitig vor Gericht zieht, bekommt vom Presserat nichts.

Das muss nicht falsch sein. Viele Beschwerden sind tatsächlich Wutbriefe mit Briefkopf. Aber es heisst: Wer sich ungerecht behandelt fühlt, hat ungefähr eine Chance von eins zu vier.

## Die Rechnung, die niemand aufmacht

Jetzt zum Geld. Ich wollte wissen, wie gross das Budget des Presserats ist. Eine einfache Frage für eine Institution, die von Medien Transparenz verlangt. Eine Antwort habe ich in den öffentlich zugänglichen Jahresberichten nicht gefunden.

Was sich findet, sind Rettungsaktionen. Nach dem Nein zum Medienpaket im Februar 2022 stand der Presserat plötzlich vor einem Loch. Der Stiftungsrat schoss einmalig 100'000 Franken ein, um die Tätigkeit vorerst bis Ende 2023 zu sichern. Zwei Jahre später sprang die Philanthropie ein: Eine Gruppe gemeinnütziger Stiftungen unterstützt den Presserat während zwei Jahren mit 330'000 Franken. Mit dabei: die Stiftung Mercator Schweiz, die Volkart-Stiftung, die Gottlieb und Hans Vogt Stiftung und die Fondation Leenaards.

Wichtig dabei: Das Stiftungsgeld ersetzt die bestehenden Beiträge der Träger nicht. Es kommt obendrauf.

Rechnen wir nur mit diesem Zusatzgeld. 330'000 Franken auf zwei Jahre sind 165'000 Franken pro Jahr. Geteilt durch zwanzig Gutheissungen: rund 8'000 Franken pro Rüge. Allein aus dem Notgroschen der Stiftungen. Das ordentliche Budget der Träger kommt noch dazu – in welcher Höhe, bleibt im Dunkeln.

Fairerweise: Der Presserat erledigt mehr als zwanzig Fälle. Er schreibt Abweisungen, prüft Eintretensfragen, formuliert Richtlinien. Rechnet man auf alle erledigten Beschwerden, sinkt der Preis pro Fall. Aber die Frage bleibt: Was bekommt die Öffentlichkeit für ihr Geld? Am Ende zählt, wie oft ein Medium tatsächlich zur Ordnung gerufen wird.

## Eine Branche richtet über sich selbst

Wer bezahlt, sitzt am Tisch. Die Trägerorganisationen sind der Berufsverband Impressum, die Gewerkschaften Syndicom und SSM, die Konferenz der Chefredaktoren, der Verlegerverband Schweizer Medien und die SRG. Die Zahl ihrer Vertreter richtet sich nach der Höhe ihres Beitrags.

Man muss das langsam lesen. Die Verleger, deren Zeitungen gerügt werden, finanzieren das Gremium, das sie rügt. Die SRG, regelmässig Ziel von Beschwerden, ebenso. Und wer mehr zahlt, hat mehr Stimmen im Stiftungsrat.

Das ist kein Skandal. So funktioniert Selbstregulierung überall. Aber es ist ein Konstruktionsfehler, den man benennen darf. Ein Schiedsrichter, dessen Lohn die Mannschaften bezahlen, pfeift vielleicht korrekt. Er muss es nur jedes Mal beweisen.

Die Verteidiger des Systems halten dagegen: Ohne Branchengeld gäbe es nur staatliche Aufsicht. Und die wäre für die Pressefreiheit schlimmer. Das Argument ist ernst zu nehmen. Es erklärt aber nicht, warum ein Gremium, das seit Jahren am Tropf hängt, seine Zahlen nicht offen auf den Tisch legt.

## Und jetzt noch Fairmedia

Neben dem Presserat ist ein zweiter Akteur gewachsen: der Basler Verein Fairmedia. Er berät Betroffene kostenlos und hilft ihnen, Beschwerden beim Presserat einzureichen. Kurz: Er produziert Fälle für eine Instanz, die schon jetzt kaum mit dem Geld auskommt.

Neu ist er nicht. Jessica Kling führte den Verein seit Februar 2019, heute ist der frühere Journalist Jeremias Schulthess Geschäftsführer. Präsident war Beat Jans – inzwischen SP-Bundesrat. Kritiker lesen darin eine politische Schlagseite. Der Verein betont seine Unabhängigkeit.

Bemerkenswert ist die Finanzierung. Hier fliesst öffentliches Lotteriegeld. Basel-Stadt bewilligte aus dem Swisslos-Fonds 110'000 Franken für ein neues Projekt namens FairSOCIALmedia, eine Anlaufstelle gegen digitale Gewalt. Die Gesamtkosten des zweijährigen Aufbaus belaufen sich auf 530'000 Franken. Auch Solothurn zahlt mit.

Gegen Hilfe für Opfer von Cybermobbing kann niemand etwas haben. Aber man darf festhalten: Rund um die Medienethik ist ein kleines Ökosystem entstanden. Stiftungen, Lotteriefonds, Verbände. Viele Geldgeber, wenig Licht auf die Bilanzen.

## Einordnung

Ich schreibe das nicht von aussen. Der Presserat hat seine Zuständigkeit auch auf Journalisten ausgedehnt, die ohne grosses Medienhaus direkt publizieren. Das betrifft auch Swissvox. Ich könnte morgen selbst auf der Anklagebank sitzen.

Gerade deshalb wünsche ich mir einen Presserat, der stark ist. Nicht einen, der sich von Rettungsring zu Rettungsring hangelt. Nicht einen, dessen Geldgeber zugleich seine Angeklagten sind.

Zwanzig Rügen im Jahr. Vielleicht ist das die ehrliche Zahl. Vielleicht arbeiten Schweizer Journalisten einfach sauber.

Oder vielleicht ist es die Zahl einer Institution, die gelernt hat, mit wenig Geld wenig zu wollen.

**Was meinen Sie: Braucht die Schweiz einen Presserat – und wenn ja, wer soll ihn bezahlen? Schreiben Sie es in die Kommentare.**

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