Der Rucksack, der die Regale leert

Thailand rät jedem Haushalt zu einer Notfalltasche für 72 Stunden. Die Leute kaufen ein, und die Regierung bittet die Supermärkte, die Lager aufzufüllen.

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Der Rucksack, der die Regale leert

Thailands Behörden raten jedem Haushalt zu einer Notfalltasche für 72 Stunden. Die Leute kaufen ein. Jetzt bittet die Regierung die Supermärkte, die Lager aufzufüllen, und erklärt dem Volk, es gebe keinen Grund zur Sorge.

Von Nico Stino

Es beginnt mit einer vernünftigen Empfehlung. Packen Sie eine Tasche. Wasser, Konserven, Milch, Reis, genug für drei Tage. Für den Fall, dass der Strom ausfällt, das Wasser steigt oder die Strasse weg ist.

Es endet, vorläufig, mit einer Pressemitteilung: Die Versorgung sei normal. Niemand müsse horten. Bitte keine Panik.

Dazwischen liegt eine Woche, in der Thailand eine alte Lektion neu lernt. Wer den Menschen sagt, sie sollen vorbereitet sein, muss damit rechnen, dass sie es tatsächlich werden. Die Bitte an die Händler

Das Department of Internal Trade fordert Supermärkte und Detailhändler auf, Sicherheitsbestände anzulegen. Es geht um Reis, Dosennahrung, Milch und Trinkwasser. Die Mitteilung erschien am 6. November.

Generaldirektor Wattanasak Suea-iam räumt ein, dass die Läden mehr verkaufen. Den Anstieg nennt er bescheiden. Alle Ketten hätten zugesagt, genügend Ware vorzuhalten und die Regale laufend nachzufüllen. Hersteller und Verteiler stünden bereit. Seine Botschaft: aufmerksam sein, aber nicht in Panik geraten.

Wie bescheiden «bescheiden» ist, hängt von der Zeitung ab. Thairath berichtet von durchschnittlich 5 bis 20 Prozent mehr Nachfrage nach Lebensmitteln und Getränken. Naewna beziffert das Plus bei einzelnen Produkten auf 5 bis 10 Prozent. Kein Ansturm. Aber genug, damit ein Ministerium reagiert.

«Kein Zeichen für Krieg»

Die Empfehlung stammt vom Department of Disaster Prevention and Mitigation (DDPM) und vom Nationalen Sicherheitsrat. Haushalte sollen eine Tasche bereithalten, die sie durch die ersten 72 Stunden eines Notfalls bringt.

DDPM-Chef Nirat Pongsitthaworn betont, die Empfehlung folge einem internationalen Standard. Sie sei kein Hinweis auf einen Krieg.

Ein Satz, den man nur sagen muss, wenn genug Leute genau das gedacht haben.

Abwegig ist der Gedanke nicht. Wer im Isan lebt, erinnert sich an die Grenzgefechte mit Kambodscha im Sommer 2025. Damals trafen Raketen auch die Provinz Sisaket. Wenn in dieser Region der Sicherheitsrat zum Packen rät, hört man nicht zuerst «internationaler Standard». Man hört die Sirenen von damals.

Das Paradox der Vorsorge

Jede Regierung kennt dieses Dilemma. Behörden wollen, dass die Bürger vorsorgen. Doch Vorsorge, die alle gleichzeitig treffen, sieht im Supermarkt aus wie Hamstern.

Eine Notfalltasche füllt sich nicht aus Luft. Millionen Haushalte, die je ein paar Dosen und Flaschen mehr kaufen, verschieben die Statistik. Das ist keine Hysterie. Das ist Arithmetik.

Die Regierung hat das unterschätzt. Sie hat zuerst die Bevölkerung informiert und erst danach den Handel. Die Reihenfolge war falsch.

Die Schweiz macht es seit Jahrzehnten

Für Schweizer Leserinnen und Leser ist das alles vertraut. Der Bund empfiehlt seit Jahrzehnten einen Notvorrat. Das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung rät zu neun Litern Wasser pro Person und Lebensmitteln für etwa eine Woche. Dazu Radio, Taschenlampe, Batterien, Medikamente.

Niemand in der Schweiz hält das für ein Kriegssignal. Es gehört zur politischen Kultur wie der Zivilschutzkeller unter dem Mehrfamilienhaus. Weil die Empfehlung seit Generationen gilt, kauft niemand alles in einer einzigen Woche.

Darin liegt der Unterschied. Vorsorge beruhigt, wenn sie Routine ist. Sie alarmiert, wenn sie plötzlich kommt. Thailand erlebt den Moment, in dem eine Routine erst entsteht. Dieser Moment ist immer der nervöseste.

Einordnung

Die Regale in Thailand sind nicht leer. Die Hersteller liefern. Die Zahlen sind überschaubar. Vermutlich ist der Spuk in zwei Wochen vorbei, und in vielen Häusern steht dann eine gepackte Tasche in der Ecke.

Das wäre eigentlich ein Erfolg.

Was bleibt, ist eine kleine Unruhe. Ein Staat sagt seinen Bürgern, sie sollen sich vorbereiten, und versichert im selben Atemzug, es gebe nichts, worauf man sich vorbereiten müsse. Beides kann stimmen. Aber die Menschen spüren den Abstand zwischen den beiden Sätzen. Und kaufen eine Packung Reis mehr. Für alle Fälle.

Haben Sie zu Hause einen Notvorrat, so wie der Bund ihn empfiehlt? Oder halten Sie das für ein Relikt aus dem Kalten Krieg? Schreiben Sie es mir in die Kommentare.

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