Krieg mit Pausentaste

Am Tag 250 des Iran-Kriegs schlagen wieder Raketen auf Qeshm ein, während in Doha weiterverhandelt wird. Washington bombardiert und telefoniert gleichzeitig – und hat nach den Midterms weniger Zeit, als es glaubt.

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Krieg mit Pausentaste

Am Tag 250 des Iran-Kriegs schlagen wieder Raketen auf Qeshm ein, während in Doha weiterverhandelt wird. Washington bombardiert und telefoniert gleichzeitig – und hat nach den Midterms weniger Zeit, als es glaubt.

Von Nico Stino

Qeshm ist eine flache, staubige Insel. Sie liegt wie ein Riegel vor dem Eingang zur Strasse von Hormus. In der Nacht auf Samstag melden iranische Nachrichtenagenturen erneut zwei Raketeneinschläge. Wie gross der Schaden ist, weiss niemand. Wenige Stunden später lässt Katar ausrichten, die Vermittlung zwischen Washington und Teheran laufe weiter. Berichte über gescheiterte Gespräche seien falsch. Bomben in der Nacht, Diplomatie am Morgen. So sieht dieser Krieg inzwischen aus. «Wir haben zugeschaut, wie sie es bauen» Schon zu Wochenbeginn hatten US-Streitkräfte auf Qeshm eine iranische Luftabwehrstellung zerstört. Donald Trump erzählte danach auf Fox News, wie das ablief. Die Amerikaner hätten den Bau rund zwei Monate lang beobachtet. Am Tag der Fertigstellung schlugen sie zu. Trump nannte das eine «begrenzte» Aktion, keine Rückkehr zum grossen Krieg. Washington sprach von Selbstverteidigung: Iran habe Boden-Luft-Raketen auf amerikanisches Gerät abgefeuert. Man muss sich das vor Augen halten. Ein Land darf seine Luftabwehr wieder aufbauen – und sieht dabei zu, wie der Gegner den Abschuss terminiert. Das ist kein Waffenstillstand. Das ist eine Kontrolle mit Sprengstoff. Die Wähler haben mitgeredet Dazwischen kam am Dienstag die Abstimmung in den USA. Die Demokraten holten bei den Midterms beide Kammern des Kongresses. Vizepräsident JD Vance schrieb danach offen, der Iran-Krieg sei der Grund für die Niederlage. Trump widersprach kaum. Das sei «weitgehend wahr», sagte er, weil der Krieg das Benzin verteuert habe. Er würde aber alles wieder genau so machen. Seither ringt das Weisse Haus mit drei Optionen: weitere Angriffe, wirtschaftlicher Druck oder ein Abkommen. Vance drängt auf einen Deal. CIA-Chef John Ratcliffe und Finanzminister Scott Bessent wollen die Seeblockade iranischer Häfen beibehalten. Kriegsminister Pete Hegseth droht ein Amtsenthebungsverfahren. Der Republikaner Thomas Massie wirft ihm vor, länger als 90 Tage ohne Zustimmung des Kongresses Krieg zu führen. Trump selbst wählte am Donnerstag die grosse Geste. Vielleicht müsse man den Rest des Landes zerstören, sagte er im Oval Office. Man werde es bald wissen. Im selben Atemzug bestätigte er: 18 amerikanische Soldaten sind in diesem Krieg gestorben. Teheran rüstet sich – und telefoniert Iran antwortet zweigleisig. Armeesprecher Mohammad Akraminia droht, bei einem neuen Angriff amerikanische Ziele weltweit zu treffen, ohne geografische Grenzen. Die Strasse von Hormus bleibe zu, bis Washington sieben Bedingungen erfülle. Laut der Londoner «Times» verteilen die Behörden Jodtabletten an Menschen, die nahe der Atomanlagen wohnen. Der Irak hat an der Grenze Strahlenmessgeräte in Betrieb genommen. Gleichzeitig telefoniert Aussenminister Abbas Araghchi sich durch die Region: Riad, Abu Dhabi, Doha, Maskat, Ankara, Kairo. Sicherheitschef Mohsen Rezaei reiste nach Moskau und überbrachte Wladimir Putin einen Brief des neuen Obersten Führers Mojtaba Khamenei. Laut «Telegraph» geht es auch um russische S-400-Luftabwehrsysteme. Teheran sucht also beides: Freunde in der Nachbarschaft und Raketen aus dem Norden. Das Nadelöhr der Weltwirtschaft Was auf Qeshm passiert, landet früher oder später an jeder Zapfsäule. Durch die Strasse von Hormus fliesst in normalen Zeiten rund ein Fünftel des weltweit verbrauchten Öls. Seit Kriegsbeginn am 28. Februar fährt dort nur noch ein Bruchteil der Schiffe. Die Seesicherheitsbehörde UKMTO zählte allein zwischen dem 1. und 3. November vier Angriffe vor der omanischen Küste. Die Revolutionsgarden melden fast täglich brennende Tanker, die angeblich auf Minen gelaufen sind. Auf dem leeren Tanker «Velos Sapphire» starb diese Woche ein Seemann. Der Ölpreis zeichnet das Fieber nach. Ende Oktober kostete ein Fass Brent fast 118 Dollar. Nach den Midterms fiel der Preis in einem Tag um rund acht Prozent, auf etwa 93 Dollar. Die Händler wetteten auf Diplomatie. Am Freitag stand er wieder bei 98. Die Wette ist offen. Was auf dem Tisch liegt Katar arbeitet an einem Entwurf, der Gespräche «innert Tagen» wieder in Gang bringen soll. Die Rede ist von einer Abfolge vertrauensbildender Schritte über drei Tage. Im Kern geht es um ein Tauschgeschäft: freie Durchfahrt durch Hormus gegen Lockerung von Blockade und Sanktionen, dazu Inspektionen der Atomanlagen. Teheran verlangt zudem die Freigabe eingefrorener Gelder, bevor es die Meerenge öffnet. Katars Premierminister Mohammed bin Abdulrahman Al Thani formulierte es am Freitag nüchtern: Beide Seiten sollten ein gutes Abkommen akzeptieren, statt auf ein perfektes zu warten. Es ist vermutlich der klügste Satz dieser Woche. Meine Einordnung Mich beschäftigt vor allem die Gleichzeitigkeit. Washington bombardiert Luftabwehrstellungen und lässt sich am selben Tag vom Emir von Katar über Deeskalation briefen. Teheran droht mit weltweiten Vergeltungsschlägen und ruft danach den saudischen Kollegen an. Beide Seiten tun so, als liesse sich ein Krieg dosieren wie ein Medikament. Die Geschichte lehrt das Gegenteil. Ein abgeschossener Drohnenpilot, eine Mine am falschen Ort, ein Tanker mit zwanzig Toten – und die «begrenzte Aktion» wird zur Kettenreaktion. Fox News hat bereits vermerkt, dass am 9. November Neumond ist. Dunkle Nächte gelten als günstig für Luftangriffe. Für die Schweiz ist das kein fernes Drama. Seit 1980 vertritt Bern die Interessen der USA in Teheran. Dieses Mandat galt lange als Inbegriff guter Dienste. Heute laufen die entscheidenden Kanäle über Doha und Maskat. Das sagt etwas darüber aus, wo Vermittlung künftig stattfindet – und wo nicht mehr. Und spätestens beim nächsten Heizöltank oder an der Tankstelle merkt auch der Durchschnittshaushalt, dass Qeshm näher liegt als gedacht. Der Krieg hat diese Woche ein neues Gewicht bekommen: die amerikanischen Wähler. Sie haben nicht über Iran abgestimmt, sondern über ihr Portemonnaie. Doch beides hängt an derselben Meerenge. Ob Trump das als Auftrag zum Frieden liest oder als Grund, vor dem Machtwechsel im Kongress noch einmal zuzuschlagen, entscheidet sich vielleicht schon in den nächsten mondlosen Nächten.

Was meinen Sie: Sollte die Schweiz in diesem Konflikt diplomatisch wieder sichtbarer auftreten – oder ist die Zeit der Schweizer Vermittlerrolle vorbei? Schreiben Sie es mir in die Kommentare. Über Swissvox Swissvox ist eine unabhängige Schweizer Medienplattform für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, die sich ausschliesslich über ihre Leserinnen und Leser finanziert: frei von Parteien, Werbekunden und staatlicher Unterstützung. Wer unabhängigen Journalismus stärken will, kann das über die Swissvox-Mitgliedschaft tun. Zahle 1, erhalte 2: Ein Swissvox-Abo ist zugleich ein Techvox-Abo. Techvox ist die englische Ausgabe von Swissvox und berichtet über neue Technologien, KI, Robotik und vieles mehr. Die Inhalte lassen sich per Klick ins Deutsche übersetzen. — Quellen: - [Gulf News: Qeshm Island strike raises tensions; talks continue (7.11.2026)](https://gulfnews.com/world/mena/middle-east-war-update-qeshm-island-strike-raises-tensions-talks-continue-1.500739148) - [Gulf News: Trump confirms US strikes on Iran's Qeshm Island (4.11.2026)](https://gulfnews.com/world/mena/trump-confirms-us-strikes-on-irans-qeshm-island-we-watched-it-get-built-then-we-hit-it-1.500735008) - [Gulf News: Trump weighs strikes or deal after midterm loss (6.11.2026)](https://gulfnews.com/world/mena/trump-weighs-iran-strikes-or-deal-after-midterm-loss-as-vance-urges-agreement-qatar-mediates-brent-oil-falls-to-93-1.500736556) - [Gulf News: Trump warns Iran of 'heavy hit' as Tehran steps up Gulf diplomacy (6.11.2026)](https://gulfnews.com/world/mena/us-israel-iran-war-trump-warns-iran-heavy-hit-tehran-gulf-diplomacy-1.500737918)