Wenn die Bank fällt, zahlt immer jemand anderes
Paraguay erlebt den Albtraum, vor dem die Schweiz sich sicher glaubt.
Paraguay erlebt den Albtraum, vor dem die Schweiz sich sicher glaubt. Doch auch hierzulande hat der Staat zweimal gezeigt, wie schnell Vertrauen in Verlust umschlagen kann.
Von Nico Stino
In der Nacht auf den 3. November schloss sich für drei Millionen Menschen eine Tür. Wer in Paraguay die App der Ueno Bank öffnen wollte, sah nichts mehr. Die Bancomaten gaben kein Geld heraus. Die Läden konnten nicht mehr kassieren. Fast die Hälfte des Landes stand von einer Stunde auf die andere ohne Zahlungsmittel da.
Vier Tage später ist auch der Präsident weg. Der Senat hat Santiago Peña in der Nacht auf Samstag einstimmig abgesetzt. Sein Vize Pedro Alliana übernimmt.
Ich lese diese Meldung beim Frühstück in Thailand, und mein erster Gedanke gilt nicht Asunción. Er gilt Zürich.
Eine Digitalbank, kein Grosskonzern
Ueno war keine UBS. Laut Blick ist sie eher mit Yuh, Neon oder Revolut vergleichbar. Ihr Zahlungssystem funktionierte wie Twint und war im ganzen Land verbreitet. Gerade deshalb trifft ihr Zusammenbruch so hart: Er trifft nicht Spekulanten, sondern Kassiererinnen, Taxifahrer und Rentner.
Die Zentralbank zahlt seit Freitag Vorschüsse aus. Knapp über 1000 Franken pro Person, zuerst für die Ärmsten. Wer das Geld will, braucht ein Konto bei einer anderen Bank. Für viele ist das die nächste Hürde.
Der Präsident und seine Bank
Was die Wut in Paraguay befeuert, ist nicht nur die Pleite. Es ist die Nähe. Peña, ein früherer IWF-Ökonom, hielt laut Blick einst selbst Anteile an der Bank. Familienmitglieder sollen ihr bis heute nahestehen. Einen ehemaligen Ueno-Manager soll er an eine Schlüsselstelle der Finanzaufsicht gesetzt haben. Und öffentliche Gelder flossen in dieselbe Bank.
Peña wollte am Donnerstag zurücktreten. Der Kongress liess ihn nicht. Ein Rücktritt hätte ihm nach paraguayischem Recht lebenslange Immunität verschafft. Also setzte man ihn ab. Das ist ein bemerkenswerter Moment: Ein Parlament verweigert einem Präsidenten den bequemen Ausgang.
Die Schweiz kennt das Muster
Man kann jetzt sagen: So etwas passiert in Lateinamerika, nicht bei uns. Ich halte das für zu bequem.
Im Herbst 2008 rettete der Bund die UBS. Sechs Milliarden Franken frisches Kapital, dazu übernahm die Nationalbank Schrottpapiere in Milliardenhöhe. Am Ende ging die Rechnung für den Staat auf, er verdiente sogar daran. Doch die Lehre war eine andere: Eine Bank kann so gross werden, dass ein ganzes Land für sie bürgt. Niemand hatte die Bevölkerung gefragt.
Im März 2023 folgte die Credit Suisse. Wieder an einem Wochenende, wieder unter Notrecht. Der Bundesrat zwang die Übernahme durch die UBS, ohne Abstimmung der Aktionäre. Die Finma liess rund 16 Milliarden Franken an AT1-Anleihen auf null abschreiben. Über Nacht.
Unter den Verlierern waren nicht nur Hedgefonds. Es waren Pensionskassen, Vermögensverwalter, Kleinanleger, die ihr Erspartes einer Schweizer Traditionsbank anvertraut hatten. Die Aktionäre erhielten für 22 CS-Aktien eine einzige UBS-Aktie. Für viele fühlte sich das an wie eine Enteignung. Das Bundesverwaltungsgericht hat die Abschreibung später als rechtswidrig beurteilt. Entschieden ist der Streit damit noch nicht.
Der Unterschied, der zählt
Und doch ist Paraguay nicht die Schweiz. In Zürich verloren 2008 und 2023 Investoren. Leute, die ein Risiko eingegangen waren, oft gegen eine attraktive Rendite. Die Lohnkonten der Bevölkerung blieben offen. Niemand stand am Bancomaten und bekam nichts.
In Paraguay ist es umgekehrt. Dort trifft der Kollaps das Portemonnaie des Alltags. Die Einlagensicherung deckt zwar Guthaben bis zum 75-Fachen des Mindestlohns. Doch eine Garantie nützt wenig, wenn sie Wochen braucht und die Miete morgen fällig ist.
Gerade darin steckt die Warnung an uns. Die Schweiz hat ihre Krisen bisher so gelöst, dass der Normalbürger am Montagmorgen weiter bezahlen konnte. Das war kein Naturgesetz. Es war politischer Wille, Notrecht und eine Nationalbank mit tiefen Taschen.
Wer bezahlt den Preis?
Was die drei Fälle verbindet, ist ein einfaches Muster. In guten Jahren bleiben die Gewinne in der Bank. In schlechten Jahren entscheidet der Staat, wer den Verlust trägt. Mal die Steuerzahler, mal die Anleihegläubiger, mal die Kunden. Die Regeln dafür stehen selten vorher fest. Sie entstehen an einem Wochenende, hinter verschlossenen Türen.
Heute sitzt in der Schweiz nur noch eine einzige Grossbank. Ihre Bilanz ist rund doppelt so gross wie die gesamte Wirtschaftsleistung des Landes. Die Debatte über ihre Eigenkapitalregeln läuft seit Monaten. Die UBS wehrt sich, Bern zögert.
In Paraguay hat das Parlament wenigstens Konsequenzen gezogen. Ein Präsident musste gehen. In der Schweiz musste nach der CS-Rettung niemand gehen, der politische Verantwortung trug. Die Manager zogen weiter, die Bonusse waren längst ausbezahlt.
Einordnung
Ich will die Lage nicht dramatisieren. Die Schweiz hat starke Institutionen, eine solide Einlagensicherung und eine handlungsfähige Nationalbank. Aber Paraguay zeigt, wie dünn die Schicht zwischen Alltag und Stillstand ist. Eine App, die nicht mehr aufgeht. Ein Bancomat, der schweigt.
Vertrauen in Banken ist keine Bilanzposition. Es ist ein Versprechen. Und Versprechen halten nur so lange, wie jemand bereit ist, für sie einzustehen.
Die Menschen in Asunción stehen jetzt Schlange für tausend Franken. Wir stehen nirgends an. Noch nicht.
Wie sehen Sie das: Hat die Schweiz aus der UBS- und der CS-Krise genug gelernt, oder warten wir auf die nächste Wochenend-Rettung? Schreiben Sie es in die Kommentare.
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