Die Jungen haben Angst vor der KI – und die Zahlen geben ihnen recht

Künstliche Intelligenz frisst zuerst die Einstiegsjobs. Das trifft die Zwanzigjährigen heute. Morgen trifft es die Firmen, die aufhören, sie einzustellen.

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Die Jungen haben Angst vor der KI – und die Zahlen geben ihnen recht

Künstliche Intelligenz frisst zuerst die Einstiegsjobs. Das trifft die Zwanzigjährigen heute. Morgen trifft es die Firmen, die aufhören, sie einzustellen.

Von Nico Stino

Es gibt ein Video, das in Amerika die Runde macht. Eine Abschlussfeier, Talar, Hüte, stolze Eltern. Ein Redner spricht über künstliche Intelligenz. Und die Absolventen buhen. Bei jeder Erwähnung.

Man kann das als Undank einer verwöhnten Generation abtun. Ich tue es nicht. Diese jungen Leute haben jahrelang für einen Einstiegsjob studiert. Und genau diese Jobs verschwinden zuerst.

Die Kanarienvögel in der Mine

Die Wut hat inzwischen eine politische Landkarte. Eine Untersuchung der Tufts University, über die die «Financial Times» berichtete, untersucht 784 Berufe und schätzt, dass innerhalb von fünf Jahren 9,3 Millionen Jobs und 757 Milliarden Dollar Einkommen gefährdet sein könnten. Sieben umkämpfte Swing States vereinen rund ein Sechstel dieser Jobs. Die Angst vor der KI ist in Amerika zum Wahlkampfthema geworden.

Die Daten dahinter stammen aus Stanford. Der Ökonom Erik Brynjolfsson und sein Team haben Millionen anonymisierter Lohnabrechnungen ausgewertet. Ihr Befund: In den KI-exponiertesten Berufen ist die Beschäftigung der 22- bis 25-Jährigen seit Ende 2022 um 13 Prozent eingebrochen – relativ zu weniger exponierten Jobs. Bei jungen Softwareentwicklern lag die Beschäftigung im Juli 2025 fast 20 Prozent unter dem Höchststand. Ältere Kollegen im selben Beruf? Stabil, teilweise mit mehr Stellen.

Die Forscher nennen ihre Studie «Canaries in the Coal Mine». Die Jungen sind die Kanarienvögel. Sie fallen zuerst um.

Auch in der Schweiz

Wer glaubt, das sei ein amerikanisches Problem, irrt. Laut dem «KI Report 2026» von jobs.ch lag der Anteil der Stellenanzeigen für Berufseinsteiger 2025 knapp ein Drittel unter dem Durchschnitt der Jahre 2019 bis 2022. Besonders betroffen: Administration, Marketing, Finanzen, IT.

Gleichzeitig boomt der KI-Arbeitsmarkt. Zwischen Juli 2025 und Juni 2026 wurden knapp 5000 KI-Stellen ausgeschrieben, ein Drittel mehr als im Vorjahr. Nur: Gesucht werden vor allem erfahrene Fachkräfte, deren Stellen um 42 Prozent zulegten. Die Tür geht auf. Aber nur für jene, die schon drin sind.

Die Schweizer spüren das. Laut einer Accenture-Umfrage glauben 52 Prozent, dass es für Berufseinsteiger wegen der KI schwieriger wird, überhaupt eine Stelle zu finden.

Fairerweise: Nicht alle lesen die Zahlen gleich. Die Stanford-Autoren selbst warnen, dass auch andere Faktoren mitspielen könnten. In Deutschland hält das Forschungsinstitut IAB die schwache Konjunktur für den wichtigeren Grund, und der Rückgang der Einstiegsstellen begann schon im Frühling 2022, Monate vor ChatGPT. Und economiesuisse verweist auf eine Studie, wonach Firmen, die KI intensiv einsetzen, ihre Beschäftigung ausbauen – auch bei Einsteigern.

Mag sein. Aber für die 23-Jährige, die ihre fünfzigste Absage liest, ist das ein schwacher Trost.

Was man an kleinen Fehlern lernt

Hier liegt der Punkt, den ich für den wichtigsten halte. Er hat wenig mit Arbeitslosenstatistik zu tun.

Die einfachen Aufgaben, die heute die KI erledigt, waren nie nur Arbeit. Sie waren Schule. Wer jahrelang Protokolle schrieb, Tabellen prüfte oder simplen Code tippte, lernte nebenbei etwas Unbezahlbares: einen Fehler zu erkennen. Man irrte sich bei Kleinigkeiten. Jemand sass daneben und korrigierte.

Ein erfahrener Programmierer sieht falschen Code auf einen Blick. Weil er ihn als Anfänger selbst geschrieben hat. Hundertfach.

Die Stanford-Forscher erklären das so: Junge bringen vor allem Wissen aus Büchern und Hörsälen mit, und genau das kann die KI nachbilden. Ältere stützen sich auf stilles Erfahrungswissen aus Jahren im Beruf. Dieses Wissen fällt nicht vom Himmel. Es wächst an genau jenen Jobs, die gerade verschwinden.

Wer den Beruf nicht kennt, übernimmt von der KI, was alle übernehmen. Und merkt nicht, wann sie danebenliegt. Denn die Fehler der Maschine kommen im selben selbstsicheren Ton wie ihre richtigen Antworten. Kein Stottern, kein Zögern. Nur falsche Zahlen in perfekter Formatierung.

Die Rechnung kommt in zehn Jahren

Eine Firma, die heute die Einstiegsstellen streicht, spart ein paar Löhne. Und hört auf, jene auszubilden, die ihre Experten ersetzen sollen.

In zehn Jahren gehen die heutigen Fachleute in Pension. Wer kontrolliert dann, was die KI produziert? Niemand mehr, der es gelernt hat. Die Fehler rutschen durch bis zum Kunden. Und dort werden sie teuer.

Die Schweiz hätte darauf eigentlich eine Antwort, um die sie die halbe Welt beneidet: die Berufslehre. Lernen an echten Aufgaben, mit einem Berufsbildner daneben. Genau das Modell, das die KI-Zeit braucht. Bezeichnend ist, wo die Lehrstellen robust bleiben: im Gewerbe, im Handwerk, im Gesundheitswesen. Im Büro, wo die KI am stärksten zugreift, wird es eng.

Wer also in einer Firma darüber entscheidet, wen sie einstellt, dem sage ich: Stellt weiter Junge ein. Setzt sie neben die KI, mit einer erfahrenen Kollegin an ihrer Seite. Lasst sie vom ersten Tag an prüfen, was die Maschine ausspuckt.

Die Zwanzigjährigen, die heute buhen, sind nicht technikfeindlich. Sie haben nur früher als ihre Chefs verstanden, was auf dem Spiel steht. Ihre Zukunft. Und die Fähigkeit eines ganzen Landes, einer Maschine zu widersprechen.

Und Sie? Stellt Ihre Firma noch Junge ein – oder übernimmt die KI schon den Einstieg? Schreiben Sie es in die Kommentare.


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