Die Bank, die keine Bank sein will

Mehr als die Hälfte des weltweiten Finanzvermögens liegt heute bei Schattenbanken. Der Zürcher Finanzprofessor Marc Chesney hält das für eine tickende Zeitbombe. Und er hat schon einmal recht behalten.

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Die Bank, die keine Bank sein will
Finanzprofessor Marc Chesney

Mehr als die Hälfte des weltweiten Finanzvermögens liegt heute bei Schattenbanken. Der Zürcher Finanzprofessor Marc Chesney hält das für eine tickende Zeitbombe. Und er hat schon einmal recht behalten.

Von Nico Stino

Marc Chesney hat den Untergang der Credit Suisse vorausgesagt, als die meisten seiner Kollegen noch über Kapitalquoten und Resilienz dozierten. Im März 2023 ging die Bank unter, und der Steuerzahler stand mit Milliardengarantien im Feuer. Jetzt warnt der emeritierte Professor der Universität Zürich erneut. Diesmal geht es nicht um eine einzelne Bank. Es geht um einen ganzen Sektor, den kaum jemand richtig sieht.

Das Kapital ist umgezogen

Nach der Finanzkrise 2008 zogen die Regulatoren die Schrauben bei den Grossbanken an. Mehr Eigenkapital, mehr Aufsicht, mehr Stresstests. Das Geld reagierte, wie Geld immer reagiert. Es suchte sich einen anderen Ort.

Dieser Ort heisst Schattenbanken. Gemeint sind Hedgefonds, Private-Credit-Fonds, Vermögensverwalter und Finanzvehikel, die Kredite vergeben und mit Risiken handeln, ohne eine Banklizenz zu brauchen. Sie unterstehen nicht denselben Regeln wie eine UBS oder eine Kantonalbank. Heute verwalten sie mehr als die Hälfte des globalen Finanzvermögens.

Man hat also die Haustür abgeschlossen. Und das Fenster weit offen gelassen.

Wo die Dominosteine stehen

Chesney beschreibt die Gefahr erstaunlich konkret. Viele reguläre Banken haben Schattenbanken Geld geliehen, weil diese höhere Zinsen zahlen. Die Schattenbanken wiederum leihen das Geld weiter, ebenfalls zu hohen Zinsen, an Firmen mit erheblichem Ausfallrisiko. Chesney nennt ausdrücklich den KI-Sektor.

Das ist der Punkt, an dem ich hellhörig werde. Die halbe Welt investiert derzeit in Rechenzentren, Chips und KI-Startups, oft auf Pump. Ein Teil dieser Kredite kommt nicht von Banken, sondern aus genau diesem Schattenbereich. Laufen die erhofften Gewinne nicht so schnell ein wie versprochen, platzen Kredite. Dann trifft es zuerst die Schattenbank. Und über deren Schulden die regulären Banken, die ihr Geld geliehen haben.

Chesney spricht von einem Dominoeffekt, von einer Kettenreaktion durch den gesamten Finanzsektor. Neu ist das Muster nicht. 2008 waren es Hypotheken in Ohio und Florida, die über verpackte Wertpapiere Banken in Zürich, Düsseldorf und Island ins Wanken brachten. Die Ware ändert sich, das Prinzip bleibt.

Erste Warnzeichen gab es bereits. Im Herbst 2025 brachen in den USA der Autozulieferer First Brands und der Autokreditgeber Tricolor zusammen. Beide hatten sich stark über private Kreditmärkte finanziert. JP-Morgan-Chef Jamie Dimon sagte damals sinngemäss: Wo man eine Kakerlake sieht, sind meist noch mehr.

Ein Geschäft ohne Nutzen

Besonders scharf wird Chesney beim Hochfrequenzhandel. Computer kaufen und verkaufen Aktien und Derivate in Millisekunden, oft mit geliehenem Geld. Man könnte meinen, das sei bloss nutzlos. Chesney widerspricht: Der volkswirtschaftliche Beitrag sei nicht null, sondern negativ. Solche Produkte machten das ganze System anfälliger.

Seine Lösung ist bemerkenswert einfach. Eine Mikrosteuer von etwa 0,1 Prozent auf jede elektronische Finanztransaktion. Für den Sparer, der einmal im Jahr einen Fonds kauft, wäre das kaum spürbar. Für einen Algorithmus, der eine Aktie tausendmal pro Sekunde umschlägt, wäre das Geschäft erledigt.

Die Idee ist nicht neu. Sie scheitert seit Jahren an denselben Leuten, die vom Status quo leben.

Die Politik schaut weg

Warum greift niemand ein? Chesneys Antwort ist unbequem. Die meisten Parlamentarier und Regierungen weltweit nähmen das Problem nicht ernst. Sie hörten lieber auf die beruhigenden Worte ihrer Bekannten aus der Finanzbranche. Und wenn es knallt, würden sie behaupten, man habe sie getäuscht.

Er vergleicht das mit der Aufrüstung. Für ein mögliches Russland-Risiko mobilisiert Europa Hunderte Milliarden. Für ein Finanzrisiko, das jeder Ökonom kennt, rührt kaum jemand einen Finger. Chesneys Erklärung ist bitter: Krieg sei ein Geschäft, und Finanzlobbys hätten genug Einfluss, um ernsthafte Regulierung zu verhindern. Die Grossbanken wüssten ohnehin, wer im Ernstfall bezahlt. Nicht sie.

Man muss Chesneys Tonfall nicht teilen, um die Logik zu sehen. Gewinne bleiben privat, Verluste landen beim Staat. Die Schweiz hat das zweimal erlebt. 2008 mit der UBS, 2023 mit der Credit Suisse.

Instabilität als Geschäftsmodell

Der vielleicht wichtigste Gedanke steht am Ende des Gesprächs. Chesney hält den Finanzsektor nicht für zufällig instabil, sondern für instabil gebaut. Schwankungen bringen Gewinne. Ruhige Märkte bringen weniger. Wer an Volatilität verdient, hat wenig Interesse, sie abzuschaffen. Die geopolitischen Turbulenzen der letzten Jahre verstärken diese Schwäche nur.

Das ist keine Verschwörungstheorie. Es ist ein Anreizproblem. Und Anreizprobleme löst man nicht mit Appellen, sondern mit Regeln.

Einordnung

Chesney ist kein neutraler Beobachter. Er ist ein Kritiker mit klarer Haltung, und seine Wortwahl ist oft schärfer als die Fakten verlangen würden. Aber er gehört zu den wenigen Schweizer Finanzprofessoren, die öffentlich gegen die eigene Branche sprechen. Viele seiner Kollegen schwiegen 2008 und 2023. Manche erhalten Geld von Banken.

Was bleibt, ist ein ungutes Gefühl. Die Schweiz hat nach dem CS-Debakel lange über strengere Regeln für die UBS gestritten. Über die Schattenbanken, die längst grösser sind als jede einzelne Grossbank, redet kaum jemand. Vielleicht, weil man sie nicht sieht. Vielleicht, weil man sie nicht sehen will.

Das Licht geht meist erst an, wenn es schon brennt.

Halten Sie die Warnungen vor einem neuen Finanzcrash für berechtigt, oder ist das Alarmismus? Und würden Sie eine Mikrosteuer auf Finanztransaktionen unterstützen? Schreiben Sie es mir in die Kommentare.


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