Ein Tal heisst wie ein Buch

Warum der Dialekt heute weniger Heimat sein will als Werkzeug

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Ein Tal heisst wie ein Buch

Wie Berndeutsch vom Bauernroman über Mani Matter und Polo Hofer bis zur Slam-Bühne wanderte – und warum der Dialekt heute weniger Heimat sein will als Werkzeug

Von Nico Stino

1968 bekam ein Emmentaler Tal einen neuen Namen. Aus dem Dürrgraben wurde Heimisbach. Den Anlass gab kein Gemeinderat und keine Volksabstimmung, sondern ein Roman: «Heimisbach», das Erstlingswerk von Simon Gfeller, der in jenem Jahr hundert Jahre alt geworden wäre.

Mir ist kein zweiter Fall bekannt, in dem ein Buch die Landkarte umgeschrieben hat. Dass es ausgerechnet ein Text auf Berndeutsch war, passt. Kaum ein Schweizer Dialekt hat so viel Literatur, so viele Lieder und so viel Selbstbewusstsein hervorgebracht.

Der Bund hat die Berner Mundartmusik und Mundartliteratur in die Liste der lebendigen Traditionen der Schweiz aufgenommen. Die Liste stützt sich auf das UNESCO-Übereinkommen zum immateriellen Kulturerbe. Das Dossier dazu liest sich wie eine kleine Kulturgeschichte der Deutschschweiz – mit Brüchen, Ausrutschern und erstaunlichen Wendungen.

Die erste Welle: Heimatschutz im Bücherregal

Den Boden bereitete Jeremias Gotthelf. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts machte er Berndeutsch literaturfähig. Um 1900 folgte dann die erste eigentliche Mundartwelle: Simon Gfeller, Rudolf von Tavel, Carl Albert Loosli und die Lustspiele von Otto von Greyerz.

In vielen Berner Stuben standen damals Gotthelf, von Tavel und Gfeller nebeneinander im Regal. Laienbühnen wie das Berner Heimatschutz-Theater brachten die Stoffe auf die Bretter. Von Greyerz sammelte ab 1908 im sechsbändigen «Röseligarte» alte Berner Volkslieder.

Diese Literatur hatte einen Auftrag. Sie sollte bewahren, erziehen, die Mundart gegen das Hochdeutsche verteidigen. Geschrieben haben sie vor allem Pfarrer, Lehrer, Ärzte und Beamte. Oft blickten sie von oben auf die Bauern, über die sie schrieben. Während der geistigen Landesverteidigung wurde der Dialekt dann vollends zur Schutzmauer: Schweizer sollten Schweizerdeutsch lesen, um gegen Einflüsse von aussen gewappnet zu sein.

Zwei Autoren passen nicht ins Bild. Gfeller kam selbst aus dem hintersten Emmental und zeichnete die Bauernwelt nicht als Idylle, sondern als etwas, das von innen her bröckelt. Und Loosli, selbst ein ehemaliger Verdingbub, schrieb über Knechte, Mägde und Tagelöhner. Später dichtete er sogar Sonette und Terzinen auf Emmentaldeutsch. Als der Dialekt das Land geistig abzuschotten drohte, kehrte er ihm den Rücken.

Die zweite Welle: Weg vom «bluemete Trögli»

Nach dem Krieg erstarrte die Mundartliteratur. Sie hielt am Bauernhof fest, während im Kanton Bern die Fabriken wuchsen. Adolf Muschg verspottete die Gattung später als «bluemete Trögli».

In den 1960er-Jahren brach eine Gruppe von Autoren aus. Walter Vogt nannte das Experiment «modern mundart»: der Sprache zuhören und sie selbst dichten lassen. Kurt Marti und Ernst Eggimann machten mit. Marti prägte dafür den Begriff «Umgangsschprach». Statt Kuhglocken kam der Alltag in die Gedichte. Viele Leser verstanden das damals nicht.

Franz Hohler ging 1967 einen anderen Weg. Für sein «Totemügerli» erfand er Dutzende berndeutsche Wörter. Die Geschichte blieb trotzdem verständlich, und einige der Fantasiewörter wanderten tatsächlich in den Berner Wortschatz. 1979 sorgte Martin Frank mit «ter fögi ische souhung» für Aufsehen – dem ersten queeren Mundartroman, der bis ins Feuilleton der «Zeit» kam.

Frauen bleiben in dieser Phase fast unsichtbar. Zwei Ausnahmen nennt das Dossier: die Frutigländerin Maria Lauber und Ruth Bietenhard. Bietenhard gab 1976 ein Berndeutsches Wörterbuch heraus, übersetzte mit ihrem Mann die Bibel ins Berndeutsche und schrieb dreissig Jahre lang eine Mundartkolumne im Kleinen Bund.

Mani Matter: Ein Jurist schreibt Volkslieder

Populär wurde die zweite Welle aber erst über die Gitarre. Ab Mitte der 1950er-Jahre entwickelten mehrere Liedermacher unabhängig voneinander das «Berner Chanson». Ab 1964 traten sie als Berner Troubadours auf: Ruedi Krebs, Bernhard Stirnemann, Jacob Stickelberger, Markus Traber, Fritz Widmer – und Hans Peter Matter, genannt Mani.

Den Namen hatte er aus der Pfadi. Dort schrieb er auch seine ersten Theaterstücke. Seine Lieder sangen anfangs andere. Erst im Winter 1965/66 stand er selbst im Theater am Zytglogge auf der Bühne. Es folgten «I han en Uhr erfunde», «Hemmige», «Betrachtige über nes Sändwitsch». 1969 erhielt er den Buchpreis der Stadt Bern – ausdrücklich als Lyriker.

Am 24. November 1972 starb Mani Matter mit 36 Jahren bei einem Autounfall bei Kilchberg, unterwegs zu einem Auftritt in Rapperswil. Die Platte «Ir Ysebahn» hatte er noch selbst zusammengestellt. Sie erschien nach seinem Tod.

Was bleibt, ist erstaunlich. Seine Lieder kennt in der Deutschschweiz praktisch jedes Schulkind. Sie laufen am Lagerfeuer, an Geburtstagen, in Chören. Matter verwendete alte Wörter sparsam und nur, wenn sie noch lebten. Fremdwörter setzte er gezielt ein. Er schrieb in einfachem Berndeutsch über Haarschnitte und Sandwiches – und landete dabei bei der Metaphysik.

Polo Hofer: Der Dialekt bekommt Verstärker

1973 nahm Polo Hofer mit Rumpelstilz den «Warehuus-Blues» auf. Damit war die Mundart im Rock angekommen. Auch Hofer trug einen Pfadinamen, auch er verehrte Matter. Sein eigentliches Vorbild war aber Bob Dylan.

Mit Rumpelstilz und ab 1984 mit der Schmetterband machte er schweizerdeutschen Rock salonfähig. Nach ihm kamen Span, Züri West, Patent Ochsner, Stiller Has. 1992 holte das Album «Matter Rock» die Matter-Lieder aus den Schulzimmern zurück in die Jugendkultur. Stephan Eicher machte «Hemmige» so bekannt, dass an seinen Konzerten sogar Romands den berndeutschen Text mitsingen.

Später kam der Rap: Greis, Steff la Cheffe, Wurzel 5, Baze, Tommy Vercetti, zuletzt VO, Tjore27, Cosmo12 und Jule X. Die Kummerbuben spielten alte Volkslieder als Rock-Folk-Punk. Troubas Kater mischen Bluegrass, Brassband und Balkanbeats. Und der Bieler Nemo vertrat die Schweiz 2024 am Eurovision Song Contest.

Nicht alles gefällt allen. Pedro Lenz kritisiert den sogenannten «Heimweh-Pop»: Sein Dialekt sei zu nah am Hochdeutschen gebaut und lasse die Eigenheiten verdorren. Sprachliche Feinarbeit finde man eher abseits der Radiostationen.

Die dritte Welle: Erst die Bühne, dann das Buch

Während die Musik boomte, schrumpfte die Mundartliteratur in Buchform ab Mitte der 1980er-Jahre deutlich. In den 1990ern erzählten vor allem ältere Autoren vom Land, wie man früher lebte und sprach.

Die Wende kam über die Bühne. 2003 gründeten Beat Sterchi, Guy Krneta und Pedro Lenz das Spoken-Word-Kollektiv «Bern ist überall». 2013 erhielt es den Gottfried-Keller-Preis. Romane entstanden hier eher nebenbei. Lenz' «Der Goalie bin ig» (2010) und Krnetas «Unger üs» (2015) wuchsen aus Texten, die zuerst gesprochen wurden. Den Grossteil verlegt «Der gesunde Menschenversand».

Heute schreiben Stef Stauffer, Carol Blanc, Sebastian Steffen oder Lorenz Pauli auf Berndeutsch. Auf den Slam-Bühnen stehen Christoph Simon, Matto Kämpf, Valerio Moser und Moët Liechti, Schweizermeisterin 2023.

Das Spannendste an dieser dritten Welle ist ihre Haltung. Sie dreht der ersten Welle den Rücken zu. Das Manifest des Kollektivs beginnt mit dem Satz: «Es gibt keine hohen und niederen Sprachen.» Auf der Bühne mischen die Mitglieder Dialekte und Hochsprachen, auch Autoren aus der Romandie sind dabei. Lenz lehnt es ausdrücklich ab, den Dialekt als Identitätsmerkmal zu nutzen. Er schreibe in Umgangssprache wie Kolleginnen und Kollegen auf der ganzen Welt – nicht, um sich abzugrenzen.

Schreiben ohne Duden

Berndeutsch hat keine verbindliche Rechtschreibung. Die Literaturwissenschaftlerin Corina Caduff beschreibt Mundartschreiben deshalb als Bewegung in einem Raum ohne Regeln. Krneta und Lenz verstehen ihre Schreibweise als Kunstsprache, die sich mit den Jahren verändern darf – solange sie innerhalb eines Textes stimmt.

Für Leser bleibt das anstrengend. Man buchstabiert sich durch einen Dialektroman, bis aus den Zeichen ein Klang wird und aus dem Klang ein Sinn. Gleichzeitig tippen Millionen Deutschschweizer jeden Tag Dialekt in ihr Handy. Wir schreiben also alle Mundart. Wir lesen sie nur nicht gern.

Einordnung

Was mich an dieser Geschichte berührt, ist die Kurve. Dieselbe Sprache, die im Zweiten Weltkrieg das Land abschotten sollte, dient heute dazu, Grenzen zu überschreiten – über den Röstigraben hinweg und in die Welt hinaus.

Berndeutsch hat das ausgehalten. Den Pfarrer mit dem erhobenen Zeigefinger. Den Juristen mit der Gitarre. Den Rocker mit dem Dylan-Poster. Die Slam-Poetin mit dem Mikrofon.

Vielleicht liegt das Geheimnis genau darin: Diese Sprache gehört niemandem ganz. Nicht den Heimatschützern und nicht den Avantgardisten. Sie gehört denen, die sie gerade benutzen. Ein Tal kann man nach einem Buch benennen. Eine Sprache lässt sich nicht so leicht einzäunen.

Und Sie? Welches Mundartlied oder welcher Mundarttext hat Sie geprägt – und lesen Sie Dialekt lieber, als Sie zugeben würden? Schreiben Sie es mir in die Kommentare.


Quelle: «Berner Mundartmusik und Mundartliteratur», Die lebendigen Traditionen in der Schweiz, Bundesamt für Kultur / Amt für Kultur des Kantons Bern; ausführliche Beschreibung von Katrin Rieder und Jörg Weidmann (Version August 2024).


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