Das Portemonnaie ist leer, die Wirtschaft läuft

Die Schweiz hat lange davon gelebt, dass ihre Bevölkerung trotz hoher Preise zuversichtlich blieb. Man zahlte viel, verdiente aber auch gut.

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Das Portemonnaie ist leer, die Wirtschaft läuft

Die Schweizer Konsumentenstimmung ist im Oktober abgestürzt. Nicht wegen einer Krise, sondern wegen eines Gefühls, das viele seit Monaten kennen: Am Ende des Geldes bleibt zu viel Monat übrig.

Von Nico Stino

Minus 45 Punkte. So tief steht die Schweizer Konsumentenstimmung im Oktober, fast 9 Punkte tiefer als noch im September. Das Seco hat die Zahl am Freitag veröffentlicht, nüchtern, als Tabelle mit vier Zeilen. In allen vier Zeilen steht ein Minus.

Wer in den letzten Wochen getankt, die Prämienrechnung für 2027 geöffnet oder an der Kasse auf den Betrag geschaut hat, braucht dafür keine Statistik. Die Umfrage bestätigt nur, was viele längst am eigenen Konto ablesen. Der Index der Konsumentenstimmung ist im Oktober um knapp 9 Punkte auf −45 gefallen. Das ist kein Abrutschen, das ist ein Sturz. Und er betrifft nicht einzelne Bereiche. Alle vier Teilindizes zeigen nach unten.

Der Blick zurück tut weh

Am stärksten ist der Einbruch dort, wo es am persönlichsten wird: bei der eigenen Finanzlage. Gefragt, wie sich ihr Budget in den letzten zwölf Monaten entwickelt hat, antworten die Schweizerinnen und Schweizer so düster wie selten. Der Wert fiel innert eines Monats um rund 12 Punkte auf −54. Das ist historisch tief.

Man muss nicht lange suchen, um zu verstehen, warum. Die Krankenkassenprämien steigen wieder kräftig. Wer an der Zapfsäule steht, sieht Preise, die vor zwei Jahren noch als Witz gegolten hätten. Und die Teuerung, lange als ausländisches Problem belächelt, ist im Alltag angekommen. Beim Wocheneinkauf bei Migros oder Coop merkt man es zuerst. Der Zettel an der Kasse ist länger geworden, der Korb nicht voller.

Auch die Zukunft sieht grau aus

Noch bemerkenswerter finde ich den zweiten Wert. Auch der Blick nach vorne hat sich verdüstert. Die erwartete Finanzlage sank um rund 14 Punkte auf −45. Die Menschen glauben also nicht, dass es bald besser wird. Sie rechnen damit, dass es so bleibt oder schlimmer kommt.

Das hat Folgen. Wer nicht weiss, wie die Prämienrechnung im Januar aussieht, kauft im November kein neues Sofa. Entsprechend fiel auch der Teilindex für grössere Anschaffungen, um etwa 6 Punkte auf −33. Autos, Möbel, die neue Küche: Das alles wird verschoben. Nicht abgesagt, aber auf «später» gelegt. Und «später» ist bekanntlich ein dehnbarer Begriff.

Im Vergleich zum Vorjahr liegt der Gesamtindex 8 Punkte tiefer. Drei der vier Teilwerte bewegen sich unter dem Niveau vom Oktober 2025.

Das seltsame Paradox

Und jetzt kommt der Teil, der mich am meisten beschäftigt. Ein einziger Teilindex hat sich kaum bewegt: die erwartete Wirtschaftsentwicklung. Die Leute glauben also nicht, dass die Schweizer Wirtschaft in eine Rezession rutscht. Sie glauben nur, dass sie selbst nichts davon haben.

Das ist eine neue Art von Pessimismus. Früher hiess schlechte Stimmung: Angst vor Entlassungen, Angst vor der Krise. Heute heisst sie: Die Wirtschaft läuft, aber mein Lohn reicht trotzdem nicht. Das Land wird nicht ärmer. Aber viele Haushalte fühlen sich so.

Dazu passt, dass grosse Teile der Bevölkerung von einer Konjunkturdelle gar nicht direkt getroffen würden. Beamte, Spitalpersonal, Angestellte der Pharmaindustrie: Ihre Löhne sind vergleichsweise sicher. Und trotzdem sinkt die Stimmung breit. Das zeigt, wo das Problem wirklich liegt. Nicht beim Einkommen, sondern bei den Ausgaben, die keiner beeinflussen kann. Prämien, Energie, Mieten. Fixkosten, die wachsen wie Efeu an der Hauswand, langsam und unaufhaltsam.

Ein Lichtblick von aussen

Immerhin gibt es international ein Signal der Beruhigung. Nach den Wahlerfolgen der Demokraten in den USA rechnen viele Beobachter mit einem berechenbareren Kurs aus Washington. Donald Trump dürfte es schwerer haben, seine Politik im Zickzack durchzuziehen. Für eine Exportnation wie die Schweiz ist das keine Kleinigkeit. Zölle, die über Nacht kommen und gehen, sind Gift für jede Planung.

Nur: Das hilft der Familie in Olten, die ihre Prämienrechnung studiert, herzlich wenig. Weltpolitik beruhigt die Märkte. Den Küchentisch beruhigt sie nicht.

Einordnung

Konsumentenstimmung ist kein exaktes Messinstrument. Sie misst Gefühle, nicht Kontostände. Aber Gefühle werden zu Entscheidungen. Wer sich arm fühlt, gibt weniger aus. Und wenn genug Menschen weniger ausgeben, spürt das irgendwann auch der Detailhandel, das Gewerbe, der Garagist um die Ecke.

Die Schweiz hat lange davon gelebt, dass ihre Bevölkerung trotz hoher Preise zuversichtlich blieb. Man zahlte viel, verdiente aber auch gut. Dieser stille Vertrag scheint Risse zu bekommen. Nicht laut, nicht dramatisch. Sondern so, wie es in der Schweiz eben passiert: mit einer verschobenen Anschaffung, einem gestrichenen Restaurantbesuch, einem Seufzer an der Tankstelle.

Vielleicht ist das die eigentliche Nachricht dieses Oktobers. Nicht dass die Stimmung gesunken ist. Sondern dass sie gesunken ist, obwohl es dem Land gut geht.

Wie sieht es bei Ihnen aus? Haben Sie grössere Anschaffungen in den letzten Monaten verschoben, und wenn ja, warum? Schreiben Sie es mir in die Kommentare.


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